Skip to main content

Kulturtechnik und Wasserwirtschaft

Umwelt, Technik, Gesellschaft

Auszug aus dem Buch "Kulturtechnik und Wasserwirtschaft" von Prof. Helmut Habersack:

"Mit der stetig zunehmenden Weltbevölkerung, der damit verbundenen Ressourcenknappheit, den steigenden Umweltproblemen und dem globalen (Klima-)Wandel wird es in Zukunft überlebenswichtig werden, nachhaltige Lösungen zu erarbeiten. Nutzung und Schutz des Wassers, zugleich aber auch der Schutz vor dem Wasser im Fall von Hochwasserkatastrophen werden zu einer zentralen Herausforderung.

In allen Bereichen des Lebens, von Raumnutzung, Verkehr- und Energiewirtschaft über Wasser- und Abfallwirtschaft, Landwirtschaft und Infrastruktur bis zur Ökologie, steigt der Bedarf an integrativen und nachhaltigen Innovationen rasant.

Forschung und Lehre im Bereich der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft an der BOKU tragen dem Rechnung und sind entsprechend vielfältig angelegt."

Was ist die Kulturtechnik?

Nachfolgender Text stellt eine auszugsweise Wiedergabe des Artikels über Kulturtechnik und Wasserwirtschaft von Prof. Werner Biffel, veröffentlicht in der Broschüre "Studieren an der Boku" des Studiendekanats dar.

Zur Zeit der Gründung der Studienrichtung "Kulturtechnik" an der Universität für Bodenkultur in Wien war wohl die moderne industriell-technische Entwicklung längst im Fluß, trotzdem stand das Maschinenzeitalter erst in seinen Anfängen und die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Europas lebte auf dem Lande oder war in der Landwirschaft tätig. Es ist daher verständlich, daß man damals bestrebt war, die Struktur im Bereich der Landwirtschaft und im ländlichen Raum zur Stärkung der Urproduktion zu verbessern. Eine Änderung der gesetzlichen Basis im Jahre 1883 war der Auslöser für die Gründung des Studiums der Kulturtechnik an der Universität für Bodenkultur, um Fachleute für die Strukturverbesserung im ländlichen Raum heranzubilden.

Somit ist seit jeher die Tätigkeit des Kulturingenieurs vorwiegend auf den ländlichen Raum hin orientiert, und es zählt zu den primären Aufgaben des Kulturtechnikers, Maßnahmen zu setzten, die der dauernden Verbesserung und dem Schutz des landwirtschaftlich genutzten Bodens dienen und als Voraussetzung für eine gesunde und wirtschaftliche Pflanzen- und Nahrungsproduktion landwirtschaftliche Meliorationen durchzuführen, die neben den "Agrarischen Operationen" die Sparten des kulturtechnischen Wasserbaues sowie des ländlichen Straßenbaues bzw. des Güter- und Seilwegebaues umfassen.

Bei den "Agrarischen Operationen" handelt es sich dabei unter anderem um die so wichtige Raumordnung im ländlichen Bereich durch Grundstückszusammenlegungen und Besitzaufschließungen aller Art, um Fragen der Mechanisierung und auch der örtlichen Energiewirtschaft, um Integralmeliorationen schlechthin, die durch die wichtigen Maßnahmen des ländlichen Straßen- und Seilwegebaues unterstützt werden. Zum kulturtechnischen Wasserbau zählen die klaglose Abfuhr von Hochwässern durch Schutz- und Regulierungsbauten zum Schutz der Ufer und angrenzenden Kultur- und Siedlungsflächen, weiters Maßnahmen zur Entwässerung vernäßter Böden, die Nutzung des Wassers zur Versorgung von Mensch, Tier und Pflanze, von Siedlung, Gewerbe und Industrie sowie die klaglose Abfuhr und Unterbringung der nach dem Gebrauch des Wassers entstandenen Abwässer und nicht zuletzt die Erschließung und Nutzung der örtlichen Wasserkräfte. (...)

Mit fortschreitender Technik wächst die Natur immer mehr in die Hand und in die Macht des Menschen hinein. Der Fortschritt der Naturbeherrschung durch die Technik besagt damit in der Konsequenz eine fortschreitende Entlastung des Menschen und somit mehr Zeit für das eigentliche Menschliche. Andererseits ist der Mensch mit dem Fortschritt der Technik gezwungen, die Gesetzte der Natur verstärkt zu berücksichtigen und sich in seinem Verhalten ihnen anzugleichen. Dies bedeutet aber eine Herausforderung für Menschen, sich in größter Sachlichkeit zu entfalten und zu erkennen, daß mit dem Fortgang der Technik Natur und Mensch zu einer engen Schicksalsgemeinschaft werden.  

Bei der Lösung dieser faszinierenden Aufgabe, nämlich eine Einheit zwischen Natur und Technik, zwischen Kultur und Technik herzustellen, kann der Kulturtechniker einen wesentlichen Beitrag leisten. Es ist nämlich der biologisch vorgebildete Techniker, der imstande ist, ganzheitlich zu denken und zu planen, aufgrund einer umfassenden Ausbildung - bei der seit jeher auf eine sinnvolle Synthese von technischen und ökologischen Fächern Wert gelegt wurde - einen Vernünfligen Kompromiß zwischen technischen Notwendigkeiten, wirtschaflichen Gegebenheiten und den Erfordernissen der Natur herbei zu führen. Dabei kommt dem Prinzip der Nachhaltigkeit größte Bedeutung zu, das ja im Idealfall eine gelungene Symbiose von Ökologie und Ökonomie darstellt. Eine diesem Prinzip der Nachhaltigkeit entsprechende Boden- und Wasserwirtschaft könnte somit auch ein Modell für die Gesamtwirtschaft der Zukunft darstellen, um erneuerbare Ressourcen dieser Erde durch eine nachhaltige Bewirtschaften zu erhalten.

Am Beginn des nunmehr dritten Jahrtausends ist vor allem durch die enorme Industrialisierung allgemein der Menschheit die Endlichkeit des Lebensraumes offenkundig geworden. Die Gewißheit, daß künftig der lädliche Raum und die natürliche Umwelt noch mehr als bisher Bedeutung erlangen werden, daß Ernährungsfragen und Fragen der Belastbarkeit der Natur noch mehr Hauptprobleme des Menschen sein werden und daß die Probleme einer verstädterten Industriegesellschaft vielfach nur im ländlichen Raum und aus einem neuen Verhältnis zur Natur heraus gelöst werden können, stellt eine enorme Herausforderung für die heutige und künftige Arbeit des Kulturtechnikers dar.

Er ist heute und künftig - im Sinne dieser gesteigerten Verantwortlichkeit - berufen, durch seine umfassende Wasserbewirtschaftung, durch die Erschließung des ländlichen Raumes durch Verkehrswege aller Art, durch seine vielfältigen Maßnahmen zur Strukturverbesserung v.a. im ländlichen Bereich, an führender Stelle bei der Raumplanung und Raumordnung mitzuarbeiten. Es ist ihm in verstärktem Maße die Aufgabe gestellt, einen aktiven Beitrag zur Verminderung der Umweltbelastung etwa im Rahmen des Gewässerschutzes, der Müll- und Abfallbehandlung zu leisten. Er ist berufen, bei der Bereitstellung und Erschließung von Energie und von alternativen Energiequellen verantwortungvoll mitzurarbeiten. Er ist prädestiniert, in den Entwicklungsländern die so wichtige Basis zur Verbessung der Ernährunglage v.a. durch Bereitstellung von Wasser in ausreichender Menge und Qualität und durch weitreichende landwirtschaftliche Meliorationen als Voraussetzung für eine gesunde und wirtschaftliche Nahrungsproduktion zu schaffen. Er ist nicht zuletzt aufgefordert, mitzuhelfen, die Natur als Partner des Menschen zu erhalten und die Menschen zu Partnern der Natur zu erziehen.

Kulturtechnik und Wasserwirtschaft und ihr gesellschaftliches Umfeld

Technik: Kulturtechnische Lösungen sind nach dem neuesten Stand der technischen Wissenschaften zu konzipieren. Sie müssen ihre Funktion und Sicherheit, Qualität und Haltbarkeit, Gebrauchsfähigkeit sowie auch Ausführbarkeit gewährleisten.

Ökologie und Umwelt: Kulturtechnische Lösungen müssen eine nachhaltige Entwicklung unterstützen; das heißt, sie müssen umweltfreundlich sein und dürfen weder Mensch (Anrainer, Nutzer, Betreiber etc.) noch Natur beeinträchtigen. Kulturtechnische Lösungen sollen auch der Vorbeugung zukünftiger und der Behebung vorhandener ökologischer Schäden dienen.

Ökonomie: Kulturtechnische Lösungen müssen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung auch wirtschaftlich rentabel und zweckmäßig sein. Die Wirtschaftlichkeit ist aus verschiedenen Blickwinkeln zu prüfen: der Volkswirtschaft, der Betriebswirtschaft von Anlagen und der Wirtschaftlichkeit für die ausführenden Firmen.

Öffentlichkeit: Das Planen, Entwerfen, Realisieren und Betreiben, aber auch Forschen und Entwickeln von kulturtechnischen Lösungen vollzieht sich vor der Öffentlichkeit. Deshalb werden alle Lösungen strengen Kontrollen der Öffentlichkeit unterzogen: Sicherheit, rechtliche Zulässigkeit, soziale und ökologische Verträglichkeit,  Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit. Kulturtechniker/innen und Wasserwirtschafter/innen tragen eine große gesellschaftliche Verantwortung und müssen deshalb mit allen gesellschaftlichen Kräften kooperieren.

Was tun KulturtechnikerInnen und WasserwirtschafterInnen?

Planen:

Darunter versteht man die Entwicklung von Lösungskonzepten für die verschiedenen Problemstellungen der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft mit dem Ziel eine umweltorientierte und nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten.

 

Entwerfen, Konstruieren und Berechnen:

Die in der Planung entwickelten Maßnahmen werden in Projekten konkretisiert, wobei ein zentrales Augenmerk auf die Funktion, Sicherheit, Ausführbarkeit, Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und den Umweltschutz etc. zu werfen ist.

 

Bauen und Realisieren:

Fertige Projekte in die Wirklichkeit umzusetzen, benötigt ein sorgfältiges Organisieren und Leiten der Baustelle. Eine gute Umsetzung basiert auf einem umfassenden Management bezüglich Investition, Kalkulation, Öffentlichkeitsarbeit, Logistik, Qualitätskontrolle und Verantwortung für die Umwelt.

 

Betreiben und Betreuen:

Fertig gestellte Anlagen benötigen einen fachgerechten Betrieb, Kontrolle und Wartung, wenn sie ihre Funktion unter Beachtung der Sicherheit, des Umweltschutzes und der Wirtschaftlichkeit wahrnehmen sollen.

 

Forschen und Entwickeln:

Die Forschung und Entwicklung an Universitäten, in staatlichen oder privaten Forschungsinstitutionen sowie privaten Firmen gehört zu einer immens wichtigen Aufgabe, um unsere Wirtschaft konkurrenzfähig zu erhalten und die ökologische Situation laufend zu verbessern.

 

Lehren und Fortbilden:

Um eine effiziente Lehre zu garantieren, sind viele Kulturtechniker/innen in der Lehre an Universitäten, Fachhochschulen oder HTL tätig. Der Fortbildung wird in Zukunft eine immer größere Bedeutung zukommen, da nur jene am Arbeitsmarkt erfolgreich bestehen werden, die sich ein Leben lang fortbilden.

Berufsfelder und Kooperationen

Kulturtechniker/innen und Wasserwirtschafter/innen arbeiten im Büro, auf der Baustelle oder im Freien sowohl im In- und Ausland.

35% in Zivilingenieur- und Planungsbüros sowie in Consultingfirmen

15% in Baufirmen, in der Industrie und im Gewerbe

15% im öffentlichen Dienst, wie den Bundesministerien (für Wissenschaft und Verkehr, für wirtschaftliche Angelegenheiten, für Landwirtschaft usw.), den Landesbauämtern und Bezirksverwaltungen der Bundesländer, in Stadtbauämtern sowie in größeren Gemeinden

15% an Universitäten in Forschung und Lehre, sowie an Fachhochschulen und Höheren Technischen Lehranstalten im Unterricht

10% in staatlichen und nicht staatlichen Organisationen, wie den Kammern, den Verkehrsverbünden, Energieunternehmen, den Österreichischen Bundesbahnen, in Abfallwirtschaftsverbänden etc.

10% in sonstigen Dienstleistungsunternehmen.

 

Durch die dichte Vernetzung der Tätigkeit der Kulturtechnik mit vielen anderen Fachbereichen gehört Teamwork und Kooperation mit folgenden Partnern zum Alltag:

  • Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner, Bauingenieure, Forst- und Landwirte, Umwelttechniker etc.
  • Verfahrenstechniker, Maschinenbauer, Elektrotechniker, EDV-Experten, Informatiker, Logistiker etc.
  • Juristen, Vermessungsingenieure, Ökologen, Geologen, Biologen, Chemiker, Physiker, Ökonomen, Finanzfachleute etc.
  • Behördenvertreter, Bauherrn, Interessensvertreter, Lieferfirmen etc.
  • In Betrieben selbst mit technischen Zeichnern. Konstrukteuren, Verwaltungskräften, Laboranten, Polieren und Bauarbeitern, Buchhaltern etc.
Universität für Bodenkultur

Video: 140 Jahre Universität für Bodenkultur

https://www.youtube.com/watch?v=ptOIBGBVekU